Ich wünschte, ich wäre dumm.

marybeniga german fashion style travel blog, deutsche blogger: persönliches, gedanken

Ich wünschte, ich wäre dumm.

Das habe ich einmal zu meiner Mama gesagt. Es müsste schon ein paar Jahre her sein. Wir saßen an unserem kleinen Küchentisch aus Holz, es war Abend und wir hatten nur eine kleine Leuchte an, die aber warmes, gemütliches Licht gemacht hat. Nach dem Abendessen sind wir länger sitzengeblieben und haben uns unterhalten. Das kam eher selten vor – so ein längerer Austausch zwischen uns, in den Abend hinein. Aber heute war so ein Tag. Es gab irgendetwas, was mich zum Grübeln gebracht hatte.

Als ich den Satz ausgesprochen hatte, konnte ich zusehen, wie sich ihr Ausdruck verändert hat, aber das kannte ich schon. Es ist nicht so, als würde meine Mutter keinen Spaß verstehen – sie verstand bloß DIESE Art von Spaß nicht und es ging natürlich an ihr vorbei, dass ich diesen Satz nicht ganz so ernst meinte – oder vielleicht doch, ein wenig? Von einer Sekunde auf die andere war sie irgendetwas zwischen aufgebracht und belustigt über diesen Satz und rief „Oh mein Gott, aber wie kannst du so was denn bitte sagen, Marilyn? Ist das etwa dein Ernst? Du bist so intelligent und gebildet…“ – „Ich weiß doch, Mama. Ist doch egal. War bloß ein Witz.“

Irgendjemand hatte mir mal das gleiche gesagt oder ich hatte es irgendwo aufgeschnappt, das weiß ich nicht mehr. „Die Dummen sind die Glücklichen, weißt du.“ Die Dummen sind die Gewinner im Leben. Und warum? Weil sie sich einen Dreck um alles andere scheren – So weit reicht ja ihr Horizont gar nicht. In etwa ist es also so: Den Dummen fehlt die Gabe, weiter zu denken als vorgestern oder morgen, denn alles andere als das Jetzt ist nicht relevant. Dementsprechend denkt er auch nicht darüber nach, was in 50 oder 100 Jahren ist, denn nach mir die Sintflut. Der Dumme hat nie Zweifel an seinen Handlungen oder denkt über seine Charaktereigenschaften nach, denn ihm fehlt das Feingefühl, die Selbstreflektion und die soziale Kompetenz. Der Dumme ist meist glücklich, denn er liest keine Zeitung und keine Nachrichten außer die Bild, weil der Wortschatz der Bild viel besser seinen eigenen wiederspiegelt und wenn die Türkei ein Gesprächsthema ist, merkt er ja nicht, dass ihn das in irgendeiner Art oder Weise betreffen oder sein Leben beeinflussen würde. Er wird erst nachdenklich, wenn er denkt, dass es ihn persönlich einschränkt oder ihm Unrecht getan wird – und dann wird er laut. Sehr laut sogar. Der Dumme interessiert sich nicht dafür, ob er etwas für seine Gesundheit tut, ob er heute auf der Arbeit irgendjemanden gekränkt hat oder ob Lügen ein Unding ist. Nicht nur im Privatleben. Auch an meinem Arbeitsplatz wurde mir das klar gemacht: Am besten stellst du dich dumm, dann kommst du am besten weg. Und ich meine damit keinesfalls schlechte Schulnoten, ein schlechter Abschluss, ein schlechter Job – Dass Intelligenz daran nicht messbar ist, wissen wir alle. Auch Dummheit ist subjektiv.

Dieser Text ist überspitzt, das weiß ich. Aber manchmal flitzt dieser Gedanke in mir. Manchmal hat man ihn, wenn man sich Sorgen macht um die Zukunft, die Familie, die Gesundheit, das Weltgeschehen oder größere Dinge, die wir vielleicht gar nicht beeinflussen können, denn ich fühle mich dann wie ein kleines Puzzlestück mit leiser Stimme, ein Mikroorganismus in dieser Welt. Und harmoniebedürftig zu sein ist nicht leicht, denn jede winzige Störung im Umfeld, die man empfindet, kann zu tage- oder wochenlangem Gedankenzehren führen. Jede Entscheidung abwägen. Versuchen, die Worte mit Bedacht zu wählen. Ein guter Mensch zu sein. Weiter denken, immer weiter. Es gibt Tage, da versinkt man in Gedanken, die sich im Kreis drehen – kennst du das? Und nein, das sind nicht Fragen, die sich bloß Frauen stellen, weil sie ja über alles zu viel nachdenken, in alles etwas hinein interpretieren würden. Nein, hier geht es um mehr – das hier ist viel, viel größer. Das sind Gedanken über unser Leben. Das sind Gedanken über aktuelle Geschehnisse, die uns mitgenommen fühlen lassen. Das sind Gedanken darüber, welche Rolle wir selbst spielen oder spielen können und welchen Platz wir in dieser Welt wohl einnehmen. Das sind auch Gedanken auf kleinster Ebene, in unserem persönlichen Umfeld. Ein Todesfall in der Familie. Eine tobende, hasserfüllte Frau hinter dir im Supermarkt. Deine große Liebe. Eine schlaflose Nacht.

Und dann kommt mir der Gedanke: Wäre es nicht schön, das alles für ein paar Momente ausschalten zu können? Stumpf durchs Leben zu gehen, mit großen Scheuklappen auf – nicht weiter zu denken, als es das „Jetzt“ zulässt. Nicht diesen Weitblick zu haben. Sich nicht zu fragen, „Wie geht es weiter? Was strebe ich an?“. Nichts zu reflektieren. Nur für ein paar Momente.

Share:

21 Comments

  1. 2017-03-29 / 11:06 PM

    Welch eine Ironie, dass ich mir vor ein paar Stunden genau darüber Gedanken gemacht habe.
    Nur hätte ich es nicht so schön wiedergeben können, wie du es mit diesen Text getan hast!

    • marybeniga
      2017-03-30 / 8:36 PM

      oh, ich danke dir <3

  2. Lea
    2017-03-29 / 9:47 AM

    Ich glaube, ich habe seit Jahren kein Kommentar mehr auf einem Blog gelassen, aber dein Text hat mir wirklich aus der Seele gesprochen. Würde meinen Kopf so gerne manchmal einfach auf Stumm schalten. Aber da müssen wir wohl durch und vielleicht zahlt sich unser Denkvermögen ja doch irgendwann einmal aus. 😊

    • marybeniga
      2017-03-29 / 5:07 PM

      oh, das wird es ganz bestimmt! 🙂 verstehe dich zu gut..

      dann freut es mich umso mehr, dass du unter meinem Post kommentiert hast, danke :))

  3. Mary
    2017-03-26 / 10:19 PM

    Wow – ein echt toller Text Marilyn!

    An dieser Stelle möchte ich dir auch sagen, dass ich deinen Blog MEEGA finde. 🙂

    mit viel Liebe
    Mary

    • marybeniga
      2017-03-28 / 6:43 PM

      oh danke für die lieben Worte <3

      liebe Grüße an dich 🙂

  4. 2017-03-25 / 4:00 PM

    Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Klar, man will nicht für immer „dumm“ sein, aber für einen Augenblick. Jegliche Zweifel, Sorgen, Grübeleien ausschalten und wie du schriebst in der Gegenwart leben. Das ärgerliche ist dabei ja, dass diese Leute nichts davon merken und in gewisser Weise glücklich und zufrieden damit sind, eben weil sie sich keinen Kopf darüber machen. Die Frage ist, ob es über das gesamte Leben über betrachtet wirklich so viel besser wäre? Es hat schon seine Vorteile „denken“ zu können. Aber wie immer auch viele Nachteile. Am Ende muss man mit dem leben, was man hat. Das Gras im anderen Garten ist bekanntlich ja immer grüner 😀

    Alles Liebe <3

    • marybeniga
      2017-03-28 / 6:44 PM

      ja du hast Recht 🙂 manchmal verfällt man aber schon dem Gedanken, dass es „dumme“ Menschen einfacher haben im Leben 😀 aber klar, ich würde immer lieber die Intelligenz wählen 😀 🙂 <3

  5. Lotte
    2017-03-25 / 2:29 PM

    Sehr guter Text! Allerdings, wie du schon sagtest, ist Dummheit subjektiv. Und ich denke, dass du sie vielleicht etwas schöner zeichnest als sie ist. Denn, wenn jeder Dumme glücklich wäre und sich um nichts scheren würde… dann müssten alle Mitläufer von Pegida, der AFD oder ähnlichen Formationen ja wahre Intelligenzbolzen sein. Und das wage ich zu bezweifeln.

    • marybeniga
      2017-03-28 / 6:48 PM

      danke!
      stimmt. meine aber, dass die Anhänger von den Gruppen, die du nanntest, gerade aus diesem Grund „dumm“ sind.. sie scheren sich zwar um nichts, aber doch soweit, dass sie sich persönlich beeinträchtigt oder beschränkt fühlen und sich eben aus dem Grund anschließen, weil sie nicht fähig sind, das Gesamtbild zu erfassen bzw. weiter zu denken als innerhalb ihres eigenen kleinen Horizonts… (gibt natürlich auch Ausnahmen)

      und ja, so schön möchte ich es natürlich nicht zeichnen. deswegen gerne dumm, aber nur für einen kurzen Moment. 🙂

  6. Karin
    2017-03-24 / 11:51 PM

    wow, du hast das zu “Papier“ gebracht, worüber ich mir
    in letzter Zeit extrem häufig Gedanken mache.
    Da bleiben die schlaflosen Nächte nicht aus.
    Gut zu wissen, dass man mit diesen
    “Sorgen“ nicht allein durch diese Welt geht.
    Danke!

    • marybeniga
      2017-03-28 / 6:48 PM

      schön, solche Worte zu lesen 🙂 <3

  7. Bao
    2017-03-24 / 11:00 AM

    Das denke ich mir oft auch. Sehr interessanter Text!

    • marybeniga
      2017-03-28 / 6:48 PM

      danke <3

  8. 2017-03-24 / 1:45 AM

    Sehr tiefgründig,
    Jeder denkt er ist nur ein kleines Puzzlestück und denkt was soll ich ausrichten, aber glaube mir alle fehlenden Puzzleteile werden zu Dir finden. Dein tiefes Nachdenken über die Dinge wird sich auszahlen und Dir recht geben.

    • marybeniga
      2017-03-28 / 6:49 PM

      danke für das Feedback! 🙂

  9. 2017-03-24 / 12:51 AM

    I feel you!
    Wie oft lag ich nachts wach im Bett und konnte nicht schlafen, weil mein Kopf einfach nicht still sein wollte! Die Schnelllebigkeit lässt aber auch oft garnicht die Möglichkeit offen, lange nach denken zu können über zB eine wichtige Entscheidungen und im nachhinein steht der Gefankenfluss trotzdem nicht still, da man wieder unsicher ist. Jaaah, manchmal wäre es echt toll, wenn man den Kopf ausschalten und kurz mal Scheuklappen aufsetzen könnte.

    Echt toller Text, ich finde mich wieder.

    Grüßle Daisy

    • marybeniga
      2017-03-28 / 6:50 PM

      hey, ja Schnelllebigkeit ist auch so ein gutes Stichwort…

      freut mich sehr, wenn dir der Text gefallen hat. danke 🙂

  10. 2017-03-23 / 10:54 PM

    sehr schöner Text! und du hast natürlich recht, oft wünscht man sich kurzzeitig einfach nur „dumm“ zu sein, nicht zu viel nachzudenken und einfach ohne Reflexion durchs Leben zu gehen. Hast du schön auf den Punkt gebracht 🙂
    x Stephi

    • marybeniga
      2017-03-28 / 6:50 PM

      vielen vielen Dank 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.